Walter Wolfrath
Zusammenfassung

Interviewer: Alexander v. Plato – Datum des Gesprächs: 29. Juni 2025
Ort: Die Privatwohnung von Walter Wolfrath, Zum Knick 15, 29439 Lüchow
Vorbemerkung von Alexander v. Plato (AvP): Im Folgenden handelt es sich um die von Walter Wolfrath durchgesehene, ergänzte und korrigierte Zusammenfassung, die ich nach dem Interviews mit ihm geschrieben hatte. Walter Wolfrath wählte die Form einer Erzählung seiner Lebensgeschichte.
Walter Wolfrath (WW) begann mit seiner „Geburt am 08. Juli 1933 in der Wohnung seiner Großeltern im Haus des Gasthofes und der Schmiede gegenüber dem Bahnhof. Da die Eltern noch kein Haus oder eine eigene Wohnung hatten, lebte ich in den ersten Jahren bei den Großeltern. 1933 machte mein Vater sich selbstständig, er mietete sich in der Klingelstraße eine kleine Werkstatt; diese brannte im Jahr 1936 bei einem großen Feuer ab. Mein Vater wurde daraufhin in einem Indizienprozess als Brandstifter verurteilt und musste für 1 ½ Jahre ins Zuchthaus. Die Haft warf ihn und seine Familie zurück. Das war ein politisch motiviertes Urteil, da mein Vater nicht Mitglied in der NSDAP werden wollte. Das sieht man schon daran, dass dieser Prozess in einem Schreiben des Landgerichts (?) aus dem Jahr 1955 als Willkür und das Urteil als ein Willkürurteil bezeichnet und damit für ungültig erklärt wurde. Vater wurde dadurch nachträglich freigesprochen und galt nicht mehr als Vorbestrafter. Nach der Rückkehr meines Vaters im Jahr 1938 kaufte er ein Haus an der heutigen Bundestraße, und zwar das alte ´Kossaksche Haus´, ein sehr schönes, altes Fachwerkhaus, das aber stark renoviert und ausgebaut werden musste. Etwas Positives hatte das Urteil und die Haft: Er ‚durfte‘ nicht zum Militär, musste aber für den Staat produzieren, z.B. Munitionskisten. Da Mutter und Vater arbeiteten (die Mutter bei der Post) kümmerte sich keiner richtig um mich, noch 5-jährig wurde ich schon in die Schule geschickt. Hier wurde ich, in heutiger Sprache gesagt, ‚gemobbt‘, vor allem als ‚du Zuchthäusler‘ beschimpft. Wenn ich deshalb weinend nach Hause kam, wurde ich vom Vater scharf angegangen: ‚Hör auf zu heulen, wehr dich lieber‘. Und er brachte mir Kampfsport bei, was mir auch genutzt hat.“

Zusammenfassung von Walter Wolfrath: 1939 wurde er in die Grabower Volksschule eingeschult, blieb vier Jahre dort und weitere vier Jahre in der Lüchower ´Hauptschule´ (heute Realschule), zwei Jahre davon nach Kriegsende. In einer Klasse unter ihm waren u.a. Erika Pohl und Margarethe v. Plato. In der Nachkriegszeit kamen viele Flüchtlinge hinzu, z.B. eine von-Witzleben-Tochter oder Monika v. Mellenthin, in die er sich verknallte, einer Freundin von Margarethe, die er ein „tolles Mädchen“ fand.
Es kamen viele junge Soldaten aus dem Krieg zurück, die später während Walters Lehrzeit eine gewisse Herausforderung für ihn darstellten, besonders weil sie älter und gebildeter waren als er. (AvP: Nebenbei erzählte Walter, dass er etliche Aufzeichnungen über Grabow an Heinz-Adolf Schweig (Schorpper), seinem Schwager übergeben habe. Auf das Kriegsende und die erste Besetzung durch die Amerikaner geht Walter nicht ein, mit einer Ausnahme:)
WW: „Der ´Obernazi´ des Dorfes, der Lehrer Bohlmann, besuchte den Opa Wolfrath zwei Mal, einmal nachdem sein Onkel, ein Bruder seines Vaters gefallen war, das zweite Mal nachdem mein zweiter Onkel, ebenfalls Bruder meines Vaters, gefallen war. Beide Male ging mein Opa auf Bohlmann los, einmal sogar mit einem Werkzeug in der Hand. Beide Male überbrachte Bohlmann die Nachricht, dass der Sohn für ´Führer und Vaterland´ den sogenannten Heldentod gestorben war. Bohlmann hatte immer von den Schülern und Schülerinnen den Hitlergruß verlangt, aber als ich ihn automatisch bei Kriegsende so grüßte sagte er: ´Bist du verrückt geworden?`“
Walter W. fasst seine Ausbildungsgeschichte zusammen: Bereits nach acht Jahren mit 13 Jahren habe er die Schule verlassen und eine Tischlerlehre bei seinem Vater begonnen. Das Verhältnis zu diesem, als Ausbilder und Chef, sei nicht einfach gewesen. „Der Vater ließ mich nie machen, was ich wollte und vorschlug, sondern machte Druck. 16 jährig machte ich meine Gesellenprüfung, die ich mit Auszeichnung bestand. Ich war der jüngste Geselle im Regierungsbezirk Lüneburg.“
1951, mit 18 Jahren verließ er, ohne Ankündigung, den väterlichen Betrieb bzw. die elterliche Wohnung und ging nach NRW, arbeitete dort in verschiedenen Betrieben und blieb einige Jahre in Bad Oeynhausen. Hier besuchte er eine Abendschule in Vlotho, die er mit der mittleren Reife abschloss. Da war er 21 Jahre alt. Da der Vater krank wurde und ihn seine Mutter zu Hause haben wollte, kehrte er wieder nach Grabow in den väterlichen Betrieb zurück, was zwar nicht immer einfach war, aber schließlich raufte man sich zusammen. Von zu Hause bewarb er sich auf ein Studium an einem technisch-wirtschaftlichem Lehrinstitut am Bodensee – ein Ingenieursstudium konnte er ohne Abitur nicht machen, deshalb begann er mit einem Fernstudium über 3 Semester, dann konnte er weitere 3 Semester am Institut studieren mit einem Abschluss und konnte sich nun ´technisch-wirtschaftlicher Ingenieur´ nennen, was er aber nie gemacht habe.
Er begann dann mit 24 Jahren als Betriebsleiter bei einer Firma in Bad Oeynhausen mit 80 Leuten. „Das war nicht einfach, weil ältere Kollegen sich nicht gerne von so einem jungen Spund leiten lassen wollten, aber seine guten Leistungen überzeugten. Meine Stärke war eine gute Berufserfahrung und ein Praktikum als Betriebsleiter.“
Zusammenfassung WW: Weil sein Vater wieder sehr krank wurde und ihn seine Mutter zu Hause brauchte, ging Walter quasi auf Probe zurück nach Grabow, obwohl der Vater das Gehalt, das er in Bad Oeynhausen verdient hätte, nicht bezahlen konnte. Er blieb schließlich trotz der absehbar schlechten Bezahlung aus einem anderen Grund: Erika Schweig, die jüngste Tochter aus der ersten Ehe ihres Vaters. Ihre Mutter starb früh, der Vater heiratete wieder, eine Frau aus Ostpreußen, die wiederum einige Kinder gebar, darunter Anni, Rosi, Heinz-Adolf und Heinz Georg. Insgesamt zählte diese engere Familie, neben den Eltern, 9 Kinder. Erika und Walter verliebten sich, verlobten sich 1957, heirateten 1961, bauten bald ein eigenes Haus mit eigenen Händen in zwei Jahren. Außerdem besuchte Walter die Meisterschule, um ausbilden zu können. Er machte den Meister mit 25 Jahren.
Walter verdiente wenig, aber dennoch so viel, dass er sich nur 50 % seines Lohnes auszahlen ließ und die anderen 50 % als Investitionsdarlehen im Betrieb beließ, damit sich dieser vergrößern konnte.
WW: „Erika machte eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete in verschiedenen Stellen, zunächst im Raum Hannover, dann hierzulande, u.a. im Kneippsanatorium auf dem Obergut. Hans Tritz hatte dieses ‚grosse Haus‘ von Ernst-August v. Plato gekauft und daraus ein Kneipp-Sanatorium gemacht. Hans Tritz und ich hatten große Pläne mit diesem Arial, sie wollten einen Kurort daraus machen, mit Sport- und Freizeitzentrum, einem Hallenschwimmbad, einer Reithalle, einem Motel und einem Campingplatz. Dieses Projekt scheiterte letztendlich an der Insolvenz von Hans Tritz.“
Zusammenfassung von WW: Dr. Weber, Inspektor auf dem Untergut, überredete ihn, in die Politik, genauer gesagt, in den Gemeinderat einzutreten. (in den 1960er Jahren). Walter stellte sich dann zur Wahl und wurde auf Anhieb mit den meisten Stimmen gewählt. Und nach der 2. Wahl sogar zum Bürgermeister und blieb dies bis zur Eingliederung Grabows in die Stadt Lüchow (1972).
Walter erzählt dann im Interview von verschiedenen Projekten im Gemeinderat. „Der Gemeinderat war ein Saufverein gewesen und fasste fast alle Entscheidungen unter Alkoholeinfluss, bis Dr. Weber und ich mit Lüchower Amtshilfe dem ein Ende machte. Dieser Alkoholkonsum war ein Grund warum, Ernst-August v. Plato, dort nicht mitmachen wollte und warum er als seinen Ersatz seinen Vorarbeiter Wilhelm Weißmann dort hingeschickt habe.“ Die Projekte, die Walter in seiner Funktion in der Gemeinde entwickelte und als Bürgermeister förderte, seien gewesen: Unter anderem die Landarbeiterhäuser auf dem Obergut, wobei er Ernst-August v. Plato zum Verkauf der Baugrundstücke überredet habe ebenso wie zum Verkauf des Neubaugebietes ´´Boteley´´ und zur Übertragung der damals im Privatbesitz befindlichen Platoschen Wege und Straßen an die Gemeinde (u.a. den Weg nach Weitsche). Das sei notwendig gewesen, um diese ausbauen zu können. „Auch ein jahrzehntelanger Wunsch, die Ortsverbindung Grabow-Weitsche mit der Jeetzelbrücke wurde Wirklichkeit, sowie die Ortsverbindung Grabow-Lüsen. Grabow kriegte Straßennamen und Hausnummern sowie Straßenbeleuchtung, Abzugsgräben wurden verrohrt, der Dorfteich wurde entschlackt und hergerichtet und vieles andere mehr.“

Ich, Walter Wolfrath, stimme zu, dass der vorstehende Bericht auf der Webseite
Grabow-Wendland.de
veröffentlicht wird.
Gez. Walter Wolfrath