Von versteckter Kriegsmunition und erlegten Hühnern, heimlichen Liebespaaren und frivolen Schattenspielen
Jugenderinnerungen von Eberhard und Alexander v. Plato an das Nachkriegsleben auf dem Lande[1]
Die Brüder Eberhard und Alexander und wurden 1937 bzw. 1942 im Salzwedeler Krankenhaus geboren und 1943 bzw.1948 in die Grabower Zwergschule eingeschult. Der Vater war Gutsbesitzer, die Mutter Hausfrau. Eberhard studierte Landwirtschaft in Witzenhausen und erbte das Obergut, Alexander wurde Historiker an verschiedenen Universitäten.
Von schwerer Jugend nach 1945 ist häufig die Rede. Wir haben diese Zeit demgegenüber als besonders aufregend und durchaus positiv in Erinnerung. Bei uns auf dem Hof und den Häusern drumherum waren circa 100 Flüchtlinge einquartiert, darunter 28 Kinder und Jugendliche. So viele hat es dort weder vorher noch nachher wieder gegeben. Wir waren ständig draußen, beobachteten Bauern, die schwarz schlachteten, Liebespaare, die heimlich in die Scheune gingen, Landser (einfache Soldaten), die Papiere oder ihre Munition im Moor versteckten, wo wir unsere Bude hatten, oder Orden und Uniformlitzen verschwinden ließen, um sich »ziviler« zu machen. Wir wussten also meistens vor den Erwachsenen, wo Gewehre, Patronen oder Handgranaten lagen, einmal fanden wir sogar eine Panzerfaust. All das haben wir heimlich gesammelt und gehortet.
Manchmal machten wir damit etwas mehr. Zum Beispiel »erlegten« wir mit der Gewehrmunition Hühner: Auf einen Stein in der Nähe des Hühnerstalls legten wir eine Gewehrpatrone und rundherum Körner, um die Hühner anzulocken. Wenn ein Huhn dann anfing, die Körner wegzupicken, schossen wir mit dem Luftgewehr – nein, nicht auf die Hühner direkt, sondern auf das Zündhütchen der Patrone. Wurde es getroffen, explodierte die Patrone und Schoss in zwei Richtungen, die Kugel in die eine und die Messinghülse in die andere. Das war eine Kunst. Einmal ist es sogar gelungen, zwei Hühner auf einmal zu erlegen – mit der Hülse und mit der Bleikugel je ein Huhn. Die Flüchtlinge waren ganz froh, wenn ohne ihr Zutun und ziemlich überraschend zwei tote Hühner auf dem Hof lagen, die gerupft und gegessen werden konnten.
Mit den Handgranaten ging es weniger glimpflich ab. Ein Junge aus dem Nachbardorf verlor bei dem Versuch, möglichst spät und möglichst genau ein Eichhörnchen zu treffen, seine Hand, später sogar seinen Arm, weil der sich entzündet hatte. Unser Vater bekam das glücklicherweise nicht mit. Mit Waffen war er sehr streng.
Am meisten Spaß machte es, Liebespaare zu beobachten. Fast immer war ein Teil, also die Frau oder der Mann, verheiratet, der Mann war noch in Kriegsgefangenschaft oder die Frau noch in Berlin oder sonstwo, der Ehepartner aber schon bei uns gelandet. Daher mussten sie heimlich in den Wald oder in die Scheune oder verlustierten sich bei der Arbeit auf dem Feld. Offen sollten der verwundete Mann oder die Frau in der Fremde wohl nicht betrogen werden, aber es geschah dauernd. Die frühere Sekretärin unseres Vaters, die übrigens einen Jungen im »Lebensborn« bekommen hatte, haben wir mit zwei Männern beobachtet, unseren Onkel ebenso. Wir haben dann kleine Andeutungen ihnen gegenüber gemacht, so dass sie wussten, dass wir wussten. Verraten haben wir natürlich niemanden, sondern die älteren Jungen und Mädchen haben sich selbst nach diesen Vorbildern in Sachen Aufklärung versucht.
Unser „großes Haus“ wurde bald Kriegsversehrtenheim. Unser Vater überließ den Nießbrauch des dem Roten Kreuz ursprünglich, um der Enteignung zu entgehen. Wir Kinder, besonders unser Cousin Hagen, wurden Spezialisten in Sachen Beinprothesen und begutachteten professionell zusammen mit den Einbeinigen jedes neu eingegangene künstliche Bein. Wer zwei Beine verloren hatte, bekam nach einiger Zeit, wenn er Glück hatte, einen dreirädrigen langgestreckten Rollstuhl, den man abwechselnd links oder rechts mit den Armen vorwärtsbewegen konnte. Wir wurden ziemlich schnell mit den Dingern, aber verloren regelmäßig gegen die Beinlosen. Geärgert haben wir sie natürlich auch. Der einbeinige Joachim Müller kam uns einmal auf seinen Krücken entgegen. Wir stellten uns vor ihn hin, zielten mit der Zwille auf ihn und schossen – mit Asche. Und liefen weg. Er wurde so wütend, dass er auf seinen Krücken so schnell hinter uns her humpelte, dass er uns einholte und mit den Krücken grün und blau schlug. Wir haben natürlich nicht gewagt, uns zu beklagen. Joachim Müller bekam später eine Rente, die so gut war, dass er interessant wurde für Edith Geffke. Sie führten dann eine »Onkelehe«, d. h., sie schmissen ihre Kriegerwitwenrente und seine Kriegsversehrtenrente zusammen und lebten davon einigermaßen. Ich habe ihn dennoch immer als »arme Sau« in Erinnerung, der bis zu seinem Tode ausgenutzt wurde von ihr und ihrer Familie wegen seiner Rente. Aber vielleicht war das keine schlechte Lösung für alle Beteiligten, auch für ihn.
Die circa 100 Flüchtlinge, zum Teil Verwandte, die in großen Trecks zu uns gekommen waren, mussten ernährt werden. Deshalb musste jeder etwas tun, sei es im Stall oder in der Scheune, sei es auf dem Feld oder in der Maschinenwerkstatt, sei es im Haus oder im Garten. Gegessen wurde bei schönem Wetter draußen an großen Tischen mit langen Bänken, die vom Schützenverein kamen. An eine alte ehrwürdige Tante erinnere ich mich besonders. Sie war die Cousine eines »Fliegerhelden« aus dem Ersten Weltkrieg. Immer, wenn das Licht ausfiel, holte sie ihre Dynamoleuchte aus der Handtasche, und mit einem denkwürdigen Gejaule quetschte sie aus dieser Leuchte Licht. Ich höre noch heute dieses Geräusch. Sie wurde die erste Tote, die ich wirklich wahrnahm, vermutlich, weil man sie in meinem (Alexanders) Bett aufbahrte.
Später, als einige länger dablieben, gab es auch anderes: Einer erfasste und ordnete die Bibliothek unserer Eltern, die dann allgemein genutzt werden konnte. Ein bekanntes Streichertrio gab Musikstunden, manchmal sogar kleine Konzerte, aus denen dann die Musikfestspiele in der Nähe hervorgingen. Für uns Kinder war allerdings das Schönste, wenn es Theater gab. Meistens waren es nur Schattenspiele. Im großen Wohnzimmer gab es eine Zwischentür, da wurde ein Laken aufgehängt. Auf der einen Seite, im Dunkeln, saß das Publikum, auf der anderen die »Schauspieler«, die Fingerakrobaten. Sie warfen mit ihren Fingern vor einer Lichtquelle Schatten auf das Laken. Und je später der Abend, desto frivoler wurden die Schattenspielchen. Es gab Geschrei, Gelächter und Gejohle. Wir sollten natürlich längst schlafen, schlichen uns aber runter und öffneten die Türen einen Spalt, um die Ursache des Krachs zu erforschen – und wurden regelmäßig erwischt.
Radio wurde viel und laut gehört, auch tagsüber. Wenn das Pausenzeichen des Nordwestdeutschen Rundfunks / NWDR ertönte, dann sangen viele nach dessen Melodie: »Bei den Nazis war's schön« - und kicherten. Von umgebrachten Juden oder Kommunisten wurde damals nicht gesprochen, nur von gefallenen Freunden oder Onkeln, obwohl unsere Eltern die Tochter eines bekannten Schriftstellers, die »Halbjüdin« war, während des Krieges bei uns aufgenommen hatten, vermutlich aus Freundschaft. Das war eine ganz traurige Geschichte, weil die Ehe zwischen deren Eltern eigentlich schon zerrüttet gewesen war; ihr Vater wollte sich aber nicht von seiner Frau, die Jüdin war, scheiden lassen, um sie nicht weiter zu gefährden. Die Großmutter starb im KZ Theresienstadt, die Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Sie hatte vorher die letzten Transporte von Juden aus Berlin organisieren müssen, von der Hamburger Straße aus.
Viele Leute haben uns später besucht und diesen Jahren hinterhergetrauert. Sie hätten nie wieder eine solche Zeit erlebt, in der man so viel miteinander machte. Später sei die Konkurrenz gewachsen, und die Jagd nach Reichtum oder der kleinen Couchgarnitur hätte begonnen. Damals seien noch »alle gleich gewesen«. Das stimmte natürlich nicht, wie man spätestens bei der Währungsreform sehen konnte, aber trotzdem ...
Unsere Eltern haben gemischte Erinnerungen an diese Jahre: Einerseits war es ihre „heroische“ Zeit. Sie sorgten dafür, dass so viele Menschen untergebracht und ernährt wurden. Es schien ihnen als ehemalige Deutschnationale – man glaubt es heute kaum – »deutsche Pflicht«. Sie wurden »Chef« und »Chefin« genannt und waren es auch. Auf der anderen Seite wurde ihnen viel geklaut von den gleichen Leuten, denen sie geholfen hatten. Sparen konnten sie auch nichts. Sie mussten aber später immer wieder hören und lesen, dass die Bauern nach 1945 Teppiche im Kuhstall ausgelegt oder den Flüchtlingen Unterkunft oder sogar Milch für das Baby verweigert hätten. »Wie hätten denn«, meint unser Vater heute, »die Flüchtlinge überlebt ohne solche Leute wie uns? Selbst ohne Lastenausgleich, den wir noch Jahrzehnte gezahlt haben?«
Unsere Eltern hatten sich trotz dieser Gemeinsamkeiten entfremdet, ob durch den Krieg oder die Verwundung unseres Vaters oder wegen anderer Männer oder Frauen, wissen wir nicht. Jedenfalls ließen sie sich Anfang der fünfziger Jahre scheiden. Alexander wurde der Mutter zugesprochen und zog mit ihr durch die Bundesrepublik; Eberhard und unsere Schwester Margarethe blieben zunächst in Grabow.
[1] Dieser Text wurde nach verschiedenen Gesprächen zwischen beiden Brüdern von Alexander 1998 aufgezeichnet – ohne die political Correctness späterer Jahre.