Projekt: Grabow – ein Dorf erzählt seine Geschichte., Video-Interview mit
Ulrich („Ulli“) Fischer
Alexander v. Plato
Interviewer: Alexander v. Plato
Datum des Gesprächs: 20. August 2025, Dauer des Gesprächs: ca. 2 Stunden
Ort: die Privatwohnung von Ulrich und Henny Fischer, Am Alten Hof, 29439 Lüchow-Grabow
Kurzprotokoll
Ulrich Fischer hatte auf eine Gesprächsanfrage von Heiner Möser hin sofort einem Interview zugestimmt. An dem Gespräch nahmen außer Heiner Möser und mir auch Ulli Fischers Frau Henny teil, anfänglich insofern sehr aktiv, als sie ihren Mann drängte, schneller und über die ihrer Meinung wichtigen Dinge zu reden. Zu diesen wichtigeren Dingen zählte offensichtlich die Fluchtgeschichte der Fischer-Familie. Nach ungefähr der Hälfte des Gesprächs fragte ich Henny Fischer direkt nach ihrer Lebensgeschichte. Sie stammt aus dem Nachbardorf Lüsen, war also kein Flüchtling.
Ich hatte vor mehr als zehn Jahren bereits ein Gespräch mit ihm geführt, aber ohne jede Aufzeichnung. Er ist Jahrgang 1935, zwei Jahre älter als mein Bruder Eberhard, der „Betkamerad“ von Henny war, das heißt, dass die beiden denselben Konfirmationsunterricht besuchten. Außerdem sind wir fast direkte Nachbarn.
Die Gesprächsatmosphäre war von Anfang bis Ende sehr gut.
Kurzbiographie
Im Folgenden fasse ich die Biografie, wie Ulli Fischer sie uns erzählte, zusammen. Er hatte sich für ein biografisches Interview entschieden, so dass ich anfänglich nur die Frage nach seiner Lebensgeschichte stellte, die er – kaum unterbrochen von uns – eine Stunde lang beantwortete. Dann stellte ich Fragen zu Bereichen, die er bisher nicht angesprochen hatte oder in denen einiges offengeblieben war, später auch einige Fragen zum Leben von Henny.
Ullrich Fischer wurde am 31. November 1945 in Ostpreußen in dem Dorf Mettkeim (heute Nowgorodskoje), Krs. Labiau (heute Stadtkreis Gurjewsk), geboren, ca. 45 km von Königsberg (heute Kaliningrad) entfernt. Seine väterliche Familie hatte dort direkt an der Ostseeküste an der Kurischen Nährung (oder Haff?) einen landwirtschaftlichen Betrieb von ca. 45ha besessen. Später hatte der Vater noch 20 ha dazu gekauft. Die ganze Familie war evangelisch.
Ulli Fischer kam sehr schnell – auch auf Drängen seiner Frau – auf die Flucht vor der näherkommenden Front Ende (?) 1944 zu sprechen. Die Front überrollte sie am 20. April 1945, und „der Russe“ schickte die Familie nach ca. 14 Tagen in einem provisorischen Lager zu Fuß zurück in ihr Heimatdorf. Die Familie bestand damals aus der Mutter, zwei Töchtern und Ulli neben Vater und Opa. Die Frauen bzw. Mädchen hatten Angst vor Vergewaltigungen. In ihrem Haus kamen sie aber nicht mehr unter und lebten zunächst woanders, nach einem Jahr erst zu Hause. Vor der eigentlichen Vertreibung mussten sie da wieder raus und lebten zeitweilig in einem alten „Lusthäuschen“ auf einem benachbarten (verlassenen) Gut, ohne Wasser und ohne Strom. Sie tranken nur abgekochtes Wasser. Er „besorgte“ wie die anderen auch Holz zum Heizen und Gemüse oder Obst. Einmal wurde er von einem Russen erwischt, in das benachbarte Städtchen in einen Keller verbracht und am nächsten Morgen verhört. Da war er neun Jahre alt. Nach dem Verhör wurde er ohne Bestrafung nach Hause entlassen, aber die Äpfel waren weg. Später bekam er zwei Mal russische Malaria. Medizin bekam er nicht, sie erhielten allerdings Chinin, das sie frei besorgen konnten. Seine älteste Schwester (Lola?) bekam Typhus, es gab keinen Arzt, aber sie wurde wieder gesund. Die Mutter betreute alte Herren bis zum Tod. Er lernte, wie man Fischreusen baut, vier Stück, sodass sie zwei Mal die Woche Fisch essen konnten. Die älteste Schwester ging auf das Lyzeum in der benachbarten Stadt, Ulli wurde zwar eingeschult, besuchte aber die Volksschule nur wenige Male unregelmäßig.
Nach zwei Jahren wurden sie auf LKW geladen und nach Königsberg transportiert, dann umgeladen in einen Zug, 45 Leute in einen Wagon mit Stroh. Bei der Abfahrt sangen die Leute ein altes Heimatlied. Als Ulli dies erzählen wollte, versagte ihm die Stimme, und er fing an zu weinen. Sie durchquerten in diesem Zug Polen und landeten „in Ostdeutschland“ (wo? In Coswig?). Nach drei Wochen Quarantäne, Entlausungen und „neuer“ Kleidung in Coswig kam das Kommando: „Arbeit suchen!“ Die Mutter hatte Nähzeug mit Zwirn mitgenommen oder sich besorgt und versuchte, damit Geld oder Essen zu beschaffen. Das gelang kaum. Offensichtlich beschloss sie dann, in den Westen zu gehen. Sie beobachteten russische Posten an der Grenze und konnten hier irgendwo bei Lüchow illegal ‘rüberkommen und landeten in Lüchow. Im August (1948?) wurden sie dort vom Vater abgeholt. Der war in holländische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte auf einem Hof als Landarbeiter gearbeitet, war nach ein oder zwei Jahren entlassen worden und hatte hier bei Schütte in Lüchow Arbeit bekommen und verkaufte landwirtschaftliche Maschinen. Sie lebten in Süten.
1949 hörte der Vater Fischer, dass das Grabower Untergut im Rahmen des Lastenausgleichs Land an geflohene Bauern verkaufte.[1] Nach Verhandlungen mit der Niedersächsischen Landgesellschaft bekam er 40 Morgen und einige Gebäude. Die ganze Familie, die wieder zusammengekommen war, zog am 1.10.1949 hierher auf den „Alten Hof“. Hier renovierten oder bauten sie die Häuser und Nutzgebäude mit viel, viel Arbeit auf.
Ulli war 1948 kurz in Küsten in das zweite Schuljahr aufgenommen worden, obwohl er niemals regelmäßig die Schule besucht hatte, aber schon 9 Jahre alt war. Mit dem Umzug nach Grabow besuchte er hier für einige Jahre die Volksschule. Ich war mit Ullis jüngerer Schwester Rosi in einer Klasse (Schuljahre 1 – 4) gewesen. Er berichtet, dass er nie einen Abschluss gemacht hätte, sondern 1952 mit Abschlusszeugnis aufgehört habe, weil er laut Lehrer Tribian nun einfach zu alt für die Schule geworden sei. Da war er 16,5 Jahre alt.
Ulli hat dann bei seinem Vater auf dem Hof gearbeitet, aber zugleich die landwirtschaftliche Schule besucht. Nur wenige Jahre später, nämlich 1956 starb der Vater und Ulli übernahm den Hof.
1956, also nach 7 Jahren, kaufte Ulli mit einem 80.000DM-Kredit den „Alten Hof“ und wurde Eigentümer. Vorher gab es eine symbolische Pacht. (Das müsste noch einmal nachgefragt werden.) Außerdem kaufte er für 18.000DM 18 Morgen von Pächtern dazu.
1961 habe er einen Stall gebaut und nahm dafür einen Kredit von 30.000DM auf, kaufte außerdem von Günter Janz für 10.000DM einige Morgen, 50 Jahre habe er diesen Kredit abbezahlt.
1963 heirateten Ulli Fischer und Henny Kuthleick (??) aus Lüsen. 1975 wurde der Hof beiden übertragen.
1975 gab es eine große Trockenheit, weshalb er zeitweilig Leute entlassen und einen zweiten Job, bei Fritz Möllmann in Hitzacker, annehmen musste. Im selben Jahr hörten sie mit der Milchwirtschaft auf.
1978 bauten sie sich ein neues Haus, in dem wir dieses Interview führten, und nahmen dafür einen weiteren Kredit von 220.000DM auf.
1980 zogen sie dort ein.
1985 nahmen sie einen neuen Kredit in Höhe von 300.000 auf, um einen Schweinestall zu bauen.
Irgendwann nach der Hochzeit hörte er auf zu rauchen und zu trinken. Er hatte viele saufende und rauchende Kumpel, war bei denen auch anerkannt, selten als Flüchtling gehänselt.
Henny und Ulli haben vier Kinder, die 1963 (lacht selbstironisch wegen der kurzen Zeit nach der Hochzeit), 1964, 1974, 1975: Elke, Klaus-Dieter, Uwe und Wolfgang.
Kurzes Gespräch mit Henny: Sie ist Jahrgang 1937, stammt aus einem Landwirtschaftsbetrieb in Lüsen, eine geborene Kuthleick, hatte vier Brüder, die bereits verstorben sind. Während des Krieges hatten sie zwei „Kriegsgefangene“ aus Polen und Serbien als „Helfer“. Noch während des Krieges seien Zigeuner umhergezogen, um etwas „zu ergaunern“. Sie hat gleich nach der Volksschule im elterlichen Betrieb gearbeitet, dann machte sie ein Jahr Fremdlehre auf einem Hof in der Nähe von Bodenteich; nebenher besuchte sie die Landwirtschaftsschule. (Noch heute treffen sich die letzten sieben lebenden damaligen Klassenkameradinnen zweimal im Jahr). Nach der Heirat mit Ulli zog sie neben der vielen Arbeit vier Kinder groß – und dies, obwohl ihre Mutter schon 1956 gestorben sei und die Fischers jahrelang kein Badezimmer hatten. Ein Mal pro Woche wurden die Kinder nacheinander (im selben Wasser) gebadet.
Die Kinder der Fischers leben heute verstreut: Die Tochter Elke, gelernte technische Zeichnerin und Groß und Außenhandelskauffrau, in Krummasel, Hans-Dieter bei Bad Bramstedt, Uwe in Mexiko, Wolfgang lebt in Melbeck bei Lüneburg und arbeitet bei Avacon
Die Landwirtschaft haben die Fischers (Vater und Sohn) aufgegeben, nachdem sie schon früher mit der Milchwirtschaft aufgehört und sich auf Schweine konzentriert hatten (ca. 1.000 Schweine), später, als Rentner baute Ulli eine Windkraftanlage zur Stromerzeugung. Die stellte sich aber als nicht effektiv genug heraus und parallel dazu baute er sich eine Solaranlage mit der er den benötigten Strom weites gehend selbst erzeugt.
Nachfragen
Seine Herkunft als Flüchtling habe Ulli nicht geschadet, das gemeinsame Trinken mit den einheimischen Jugendlichen habe verbunden. Auch in der Familie von Henny gab es keine Ablehnung von Flüchtlingen – im Gegenteil, man freute sich über die Hochzeit von Henny „mit einem Bauern mit eigener Wirtschaft“.
Zu seiner Herkunftsfamilie: Auf dem eigenen elterlichen Betrieb in Ostpreußen gab es 6 – 8 Kühe, 2 – 3 Trakehner-Stuten, 10 – 20 Schweine. Der Opa väterlicherseits war Schlachter, Ullis Vater war bei der SA (ob NSDAP-Mitglied weiß Ulli nicht, glaubt er aber. Die Mutter arbeitete auf dem Hof und als Milchkontrolleurin. Sie waren vier Kinder, 3 Töchter und Ulli. -Der Betrieb lag nur einige hundert Meter von der Steilküste entfernt. Neben ihrem Hof gab es eine Funkstation der Wehrmacht, die einige Mal bombardiert wurde. Einmal wurden Mutter und die Tochter dadurch verwundet, weshalb zu Fuß in die Stadt laufen mussten. Dieselbe Tochter erkrankte (nicht deshalb) an Epilepsie. Sie floh über ein Begleitschiff der Gustloff nach Dänemark und vereinte sich später mit der Familie hier. Der Opa blieb in Mettkeim „bei den Russen“ und starb dort.
An den Friedhof in der alten Heimat kann sich Ulli Fischer noch gut erinnern, besonders an den Leichengeruch. Außerdem kann er sich noch erinnern, dass er bzw. die Familie keine Hunde mitnehmen durften. Der Opa wollte sie erschießen, was Ulli ablehnte, der Opa letztlich auch.
Nach 1990 hat Ulli zwei Mal Ostpreußen und die alte Heimat besucht, einmal allein, einmal mit Henny. Offensichtlich hat Ulli es geschaffte, dort einen Taxifahrer zu gewinnen, der ihm half bei allen Vorbereitungen und dann vor Ort. Er hat alles besucht und wollte sogar dort bleiben und einen landwirtschaftlichen Betrieb (Kolchos) aufbauen in der Größe von ungefähr 600ha. Die Verhandlungen mit dem dortigen Chef ließen sich auch gut an, kamen aber letztlich nicht zu einem Ergebnis. Henny hätte auch nicht mitgemacht. Fahrt dorthin kostete ca. 800 DM in den 1990er Jahren.
Zu Ullis Schwestern: Rosi ging mit mir in die Dorfschule, dann auf die Mittelschule, wurde in verschiedenen Stellen Bürokauffrau. Anneliese lebt noch mit 94 in Bretzenheim. Lola ist verstorben). Alle haben sich in der hiesigen Gegend wieder gefunden. Elke greift den Eltern unter die Arme.