Szenen aus einem besetzten Dorf in Niedersachsen
Elisabeth („Wetti“) von Plato berichtet 1985 im Interview mit ihrem Sohn Alexander.
Elisabeth von Plato, 1911 in der Neumark geboren, hatte acht Geschwister. Ihr Vater war Soldat und Landwirt, die Mutter Hausfrau. Elisabeth von Plato besuchte eine zweijährige Höhere Handelsschule und heiratete dann den Gutsbesitzer Ernst-August v. Plato in Grabow in Niedersachsen. Vor und während des Krieges bekam sie drei Kinder.

Interviewer (I.): Also, Vater kam am 19. April 1945 zurück. Wie kam er zurück?

Elisabeth von Plato (E.v.P.): Mit einem Holzgaswagen. Ja, mit so einem Holzauto, Holzdampfer nannte man die. Er war mit einem Holzgasmotor ausgerüstet. Ja, er kam in der Nacht nach Hause. Ich schlief auf dem roten Sofa vor dem Kamin. Da fühlte ich eine Hundeschnauze im Gesicht und wusste im selben Augenblick, er ist zurück. Ich hatte keine Liege für ihn – das Haus war schon voll mit Flüchtlingen, ehemaligen Soldaten und Verwandten. Wir hatten auch nichts, worauf er liegen konnte. Er hat sich dann auf dieses schmale Sofa gelegt.
Dort hat er geschlafen, und dann haben wir uns ein bisschen gekuschelt. Ach, das war schön.
Nun ja, er war dann, Gott sei Dank, da, als die ersten Amis kamen. Was unangenehm war, waren eigentlich nicht die Amerikaner, sondern die nun losgelassenen Gefangenen aus den Lagern. [In der Nähe befanden sich einige Zwangsarbeitslager, wo vor allem polnische und russische Arbeiter einquartiert waren, die von dort aus jeden Morgen zur Arbeit gehen mussten und jeden Abend zurückkamen. Sie waren zum Teil sehr schlecht von den Bauern oder Handwerkern behandelt worden. Sie betont demgegenüber, dass sie wie viele andere auch ein gutes Verhältnis zu »ihren Gastarbeitern« gehabt, sogar deshalb Schwierigkeiten bekommen habe. AvP] Wir haben gehört, dass die ukrainischen Familien sehr viel geplündert haben sollen, aber bei uns nicht. Die haben in ihrer Wohnung gesessen und haben gewartet, bis sie abgeholt wurden. Davon haben wir auch nicht viel gesehen, nicht einmal, wann das eigentlich nun stattgefunden hat. Wer mag das organisiert haben? Das war ein ganzes Kapitel für sich. Aber im Kreise waren eben einige Lager von polnischen und russischen Familien, und die haben enorm geplündert. Es fällt mir jetzt ein: Auch bei uns versuchten sie es im Keller. Da war aber nichts zu plündern.

I.: Wie?

EvP: Ich kam aus dem Keller nach draußen, neben der Haustreppe, und da kamen uns welche entgegen, finstere Gestalten. Natürlich, jeder Gefangene sieht nach einer Weile finster aus, unrasiert. Aber die kamen mit Pistolen, das durften sie eigentlich nicht. Wo sie die Waffen her hatten – geklaut wahrscheinlich, und bedrohten mich.

Warum, weiß ich eigentlich nicht. Die dachten wohl, wir wollten ihnen den Eintritt verwehren, aber so dumm waren wir auch nicht. Wir haben uns also vorbeigedrückt und haben die ins Haus gelassen. Da haben sie alles mögliche mitgenommen. Weißt du, worauf die am meisten scharf waren? In sämtlichen Häusern und Höfen haben sie die einheimischen Trachten genommen. Daher war nach dem Krieg kaum noch eine Tracht zu finden. Jedes Haus hatte noch truhenweise schöne Trachten gehabt, das haben sie alles mitgenommen. War ja nun nicht das Schlimmste. Außerdem das, was sie an Lebensmitteln fanden, und das, was wir nicht vergraben hatten.

An einem der nächsten Tage wurde dein Vater von einem Jeep, mit einem Offizier, abgeholt. Der war sehr höflich, mein Mann solle ins Dorf kommen, Aussagen machen. Sie waren sehr höflich, er ging ja noch an zwei Stöcken wegen seiner Verwundung. Sie haben ihm also die Treppe runtergeholfen und in den Wagen. Das fand ich sehr beruhigend. Ich hab‘ mich überhaupt nicht aufgeregt. Warum soll er nicht Aussagen machen?

Nach einer Weile kommt der Wilhelm, ich weiß nicht, ob nach einer Stunde oder zwei. Der konnte so aufgeregt aussehen und sagte: »Ihren Mann haben sie umgebracht!« Ich sag: »Um Gottes Willen, haben Sie das gesehen? Das kann doch gar nicht sein! Warum sollten sie denn?« -»Ja, ja, ich war im Dorf, und die Leute haben erzählt, sie haben ihn abgeführt. Und dann habe ich selber gesehen, da lag ein Häufchen Asche, die noch glimmte. Und seine Mütze obendrauf.« (Sie lacht) Das war für ihn der Beweis, dass mein Mann umgebracht worden wäre. Weißt du, da blühen ja in so einer aufgeregten Zeit Geschichten...

I.: Na, Du warst doch erschreckt, wahrscheinlich?

EvP: Natürlich war ich erschreckt. Natürlich habe ich mich gleich aufs Rad geschwungen, bin ins Dorf gefahren. Da war er da noch in der Schule zum Verhör und kam gerade heraus. Er war sehr ordentlich behandelt worden.
Immerhin, so erläutert später mein Vater, wurde ihm später der Prozess gemacht wegen
»unerlaubten Waffenbesitzes«. Darauf stand damals die Todesstrafe. Der Hintergrund:
Flüchtlinge von einem durchziehenden Treck hatten ein Gewehr liegengelassen – sehr zu seinem Ärger, der alle seine eigenen Jagdwaffen kunstreich versteckt hatte.
»Weißt du, wie man Waffen am besten versteckt?« Er fragt das so, als ob ich seine Tipps noch einmal brauchen könnte: »Das Beste ist, man legt sie einfach eingefettet ins Wasser; in einen Tümpel oder See - dort suchen sie nie. Und halten tun die Gewehre auch. Meine Büchse benutze ich noch heute.« Dass er nach dieser Umsicht nun wegen fremder Waffen mit der Todesstrafe bedroht wurde, hat seine Liebe zu Flüchtlingen und insbesondere zu verwandten Flüchtlingen, nicht wachsen lassen. Er wurde jedoch dank falscher Zeugenaussagen, die man damals gerne gegen die ersten Besatzer angeboten habe, freigesprochen.

Zurück zu Elisabeth von Plato.

EvP: Als ich wieder zurückfahren wollte mit dem Fahrrad, sah ich es auf dem Untergut brennen. Das sah gewaltig aus. Wir dachten, da brennt womöglich das Haus. Ich fahre also rüber. Es war keineswegs das Haus, sondern die Scheune war bis auf den Grund niedergebrannt. Und ich geh ins Haus. Das erste, was ich sah, war ein amerikanisches uniformiertes Mädchen, das die Edith, die Blitzmädel [Nachrichtenhelferin bei der Wehrmacht - AvP] gewesen war, die Treppe raufjagte. Immer raut und immer wieder runter. Die hatte irgendeinen Gegenstand in der Hand. Die Amerikanerin wollte deren Blitzmädchen-Mütze als Souvenir haben. Und Edith wollte sie nicht rausrücken. Also, ich hätte mich nie geweigert, glaube ich. »Souvenir« brüllte die dann immer ganz laut. Und Edith rief: »Meine drei Kinder, meine drei kleinen Kinder! Und ihr behandelt mich so schlecht.« Auf Englisch, die waren ja lange in Amerika gewesen, die konnten sich an sich verständigen. Dann brausten sie beide oben ab wie ein paar Hunde. Ich gehe in die Halle, ich wollte Nete [die Besitzerin des Unterguts - AvP] suchen. In der Halle war also auch ein Haufen Amerikaner, und keiner kümmerte sich um mich. Nach einer Weile ging ich ins andere Zimmer, von einem Zimmer zum andern, überall waren sie und waren damit beschäftigt, Medys Platten zum Fenster rauszuwerfen, um dann auf sie zu schießen, nicht wahr.

I.: Die Grammophonplatten?

EvP: Die Grammophonplatten. Und dann ging ich weiter durchs Esszimmer in die Küche, da waren auf den Decken alle die feinen Sachen, die sie klauen wollten. Also, mich hat niemand angesprochen, mich hat auch keiner... Ist das nun Krieg oder Kriegsende? Es war so merkwürdig alles - wie, wie Theater, nicht wahr.

Ernst-August von Plato später: »Bei uns haben sie gedroht, mit der Panzerfaust den Safe aufzuschießen.

Dabei wäre das ganze Haus kaputtgegangen. Da habe ich lieber den Safe geöffnet. Am meisten hat die Amis beeindruckt, dass da die Mokassins lagen. 170 Jahre alt, die der Urururgroßonkel Riedesel mitgebracht hat. Die waren natürlich sofort weg, ebenso wie der Tomahawk. Das Silber hatten wir ja vergraben.«

EvP: „Schließlich habe ich Nete über dem Pferdestall im Heu gefunden. Da lag sie und weinte und weinte. Ich dachte wunder, was ist. Die hatten sie nur sofort aus-quartiert. Wir kamen ja erst später dran. Sie waren alle ins Heu gezogen und ins Gewächshaus. Da lag sie und weinte und konnte sich nicht beruhigen. Aber hauptsächlich weinte sie über Senta, ihre Schäferhündin, die sie von einem der deutschen Zahlmeister, die dort einquartiert gewesen waren, bekommen hatte. An der hing sie sehr.

Und die hatten die Amis erschossen. Darüber war sie zusammengebrochen. Das ist ja manchmal nur so ein Anlass, nicht wahr. Sonst war aber alles in Ordnung und gesund. Na ja.

Ich fuhr zurück ins Dorf, und auf der Dorfstraße wanderte das Ehepaar Leipe, Willi und Elsbeth, auf und ab. Sie hing an seinem Arm mit leidendem Gesicht. Ich bin da aber nicht hingegangen, aber ich kriegte erzählt, sie sei vergewaltigt worden. Nun ging sie da also auf und ab und erzählte, wie es gewesen war. Dass Willi im Keller eingesperrt worden war und dass oben die Amerikaner sie vergewaltigt hätten. Und das erzählten sie jedem, der vorbeikam. Es sprach sie wahrscheinlich auch jeder an, denn sonst kann man ja gar nicht so ein Los erzählen. Und wenn man so jemand sieht, die bedauert werden möchte, dann spricht sie wahrscheinlich auch jeder an. In so einem Fall habe ich mich eben nicht rangetraut. Und dann hatten sie auch noch Mutter Gerke – die war so alt wie ich – hinterm Teich vergewaltigt, und die hat mir das ganz genau erzählt. Erstens sei es ein Schwarzer gewesen, aber ein schicker Mann, und zwar ging er immer verkehrt rum. »Kennen Sie das? Im Mund wollte er mich auch immer. Hat jemand das mit Ihnen auch gemacht?« (Lacht)

I.: Wie? Meinst du nicht, dass die – hatten dien keine Angst vor Vergewaltigung?

EvP: Doch, hatten wir alle, hatten wir alle.

I.: Ja. Du erzählst das so ...

EvP: Es war ja auch sehr die Frage, ob die [Amerikaner] überhaupt weiterziehen sollten nachher, nach Kriegsende. Denn es hieß, die Russen würden bei uns untergebracht als Besatzungsmacht. Und die waren ja nun in Berlin. Da hatte man furchtbare Angst vor Vergewaltigung. Dass die Amerikaner das täten, hätte ich gar nicht gedacht. Die sind auch sehr bestraft worden. Es hieß nachher, sie wären erschossen oder strafversetzt... Vor den Russen hatten wir schon Angst. Wir haben immer zusammen telefoniert, meine Freundin Gerdi und ich: »Was machen wir, wenn wir hier Besetzung kriegen? Wie versteckt man sich? Versteckt man sich überhaupt und so was alles, nicht wahr? [...)

I.: Also, das war Gesprächsstoff zwischen Frauen?

EvP: Ja, na sicher.

I.: Woher? Also, woher hatte man soviel gehört oder weshalb?

EvP: Woher wir auf den Gedanken kamen?

I.: Ja.

EvP: Ja, das hörte man, ob das in den Zeitungen stand, dass die Russen das immer täten oder dass sie es in Berlin getan hätten. Wir hatten da aber auch schon lange Flüchtlinge aus Pommern und Ostpreußen. Doktor Stocks 90jährige Mutter haben sie vor seinen Augen – haben  ihn angebunden an den Treckwagen und seine 90jährige Mutter vor seinen Augen zu Tode vergewaltigt. Die Töchter, seine Frau und vier Töchter haben nichts abgekriegt. Ja, solche Geschichten hörte man. Und man erzählte so was ja nicht als Gerücht, sondern eben als entsetzliches Erlebnis.

Und es gab wahrscheinlich noch mehr von der Sorte, da hatte man natürlich Angst.“